Kleinstadt
im Fieber oder „è quiiiiiii!“
(SB
besucht heute unsere Stadt)
Helikopter umrunden
Kamine. Im Hintergrund Sirenen, allegro , ma non vivace. Und die hellblauen
Blitze der Warnleuchten wirken im strahlenden Sonnenschein etwas
unterbelichtet. Grünrotweisse Flaggen hängen kraftlos an vergoldeten
Stangen. Gewöhnlich weht hier doch ein kräftiger Wind?
Prächtige, grossgewachsenen Carabinieri in schwarzen Hosen mit breiten roten
Streifen stehen stramm, zwei Stunden vor der Ankunft. Ubbidienza preacox?
(Und frau fragt sich, aus welchem Hut man sie wohl hervorgezauber hat.
Warum sieht man sie sonst nie in unserer
Stadt, diese fleischgewordenen, herrlichen Schwiegermütterträume?)
Irgendwie
fehlt er ihnen halt doch, der König.
Sie wären die idealen Untertanen für einen Monarchen, viele Italiener.
"Die
hätten besser Tomaten gezüchtet, zum Empfang von diesem Tizio", meint
Sergio trocken, während er die Schrauben, die er bereits zum dritten Mal
abgezählt hat, sorgfältig auf ein Klebeband fixiert. Er rollt
das Band zusammen, umwickelt es mit Packpapier, stopft alles in eine Plastiktüte
und öffnet die Kasse. „Tre Euro“ verlangt er, und um E u r o auszusprechen,
verzieht er das Gesicht, als müsste er mit der Zunge einen Speiserest aus dem
zweithintersten Backenzahn entfernen. "Vor zwei Jahren hat dieser Dreck nur
hundert Lire gekostet! Auf das müsste
man ihn mal ansprechen, diesen feinen Herrn da draussen. Und dass mein Sohn in
der Fabrik 750 Euro verdient im Monat. Für Schichtarbeit. Erklär du mir mal,
womit der heiraten soll."
Ich
könnte Sergio jetzt verraten, dass sein Sohn vermutlich niemals heiraten wird.
Weil ich ihn vorgestern im Kino mit seinem Freund habe knutschen sehen. Aber ich
möchte meine Schrauben. Weil zuhause Carlo ohne
diese Schrauben nicht weiterarbeiten kann Und dieser Carlo 20 Euro
pro Stunde verlangt. Schwarz. Und weil so ein kompliziertes Gespräch
bei Sergio sich in die Länge ziehen kann, wenn es erst mal an Tiefe gewonnen
hat.
Ich lächle diplomatisch: "Immerhin hat sich die Stadt doch endlich einmal
herausgeputzt. Es ist doch ein wichtiges Ereignis. Und er ist euer wichtigster
Mann."
Sergio knallt die Kassenschublade zu. "Wichtig? Für die Idioten
draussen ist dies vielleicht ein Ereignis! Für ihn höchstens ein Termin!"
Dann begleitet er mich doch bis zur Tür. Zum ersten Mal, seit ich hier Kundin
bin. Auch wenn ihn das Geschehen draussen vor seinem Schaufenster überhaupt
nicht interessiere. Natürlich nicht.
Die
unvermeidlichen schweren Motorräder fahren vor, das sichere Signal des
Unabwendbaren. Dann endlich die Limousinen. Und er. Mit einem eleganten Schwung
steigt er aus dem Wagen. Was für eine Elastizität! Was für ein smartes Lächeln!
Was für eine optimistische Jugendlichkeit. Das Lifting hat sich wirklich
gelohnt. Er will sich für sein Land ja schliesslich auch in Zukunft opfern dürfen.
"Quanto
sembre pulito!" stöhnt eine ältere Dame und sie hat recht. Er wirkt
unglaublich sauber, frisch gewaschen. Ein Abend am Kamin, mit so einem
Mann! Das Näschen am blütenweissen, gestärkten Hemdenkragen,
die Füsse auf dem Sofa, anlehnen an ihn, sich die Haare kraulen lassen, den
frischen, mächtigen Duft schnuppern, die Augen schliessen und wissen: er
hat alles im Griff..
Der
Applaus reisst mich aus den Träumen. So viele traute Abende würden es
vermutlich nicht sein, tröste ich mich, wie er der jubelnden Menge zuwinkt.
Oder ob er mich gemeint hat, gerade jetzt, als er diesen siegesbewussten Blick
genau in Richtung Ladentür von Sergio geschickt hat?
"Cretino" knurrt Sergio, und knallt die Ladentür zu..
Der
König entschwindet. Taucht ein ins Theater, in einen engen Kreis von
Auserlesenen, die hier in der Stadt bereits ein wenig wichtig waren. Und die es,
wenn sie in einer Stunde wieder ins Tageslicht heraustreten werden, noch
ein wenig mehr sein werden. Wichtig.
In
der Bar am Ende der Via Cascione ist die Stimmung jetzt gelöst. "Gib mir
schnell ein panino" ruft ein Gast.
"Jetzt schon?" erwidert Mario der Wirt, erstaunt. Der Gast grinst:
"In der Stampa steht, dass er nach der Konferenz nur schnell etwas Leichtes
essen will, bevor er zurück fliegt.. Meinst du, ich will riskieren, dass er und
seine Schimpansen mir mein Panino wegfressen?" Gelächter.
"Die gehen doch nachher ins feinste Restaurant der Stadt, zu Tonino!“
"Es täte ihm aber gut, mal deine staubtrockenen Panini auszuprobieren.
Ueberall, wo der entlanggeht, streuen sie Blumen, fegen die Trottoirs. Nie, nie
muss der einen Parkplatz suchen, nie steht der im Stau. Durch seine Kehle rinnt
nur das Köstlichste. So einer kann doch gar nicht regieren. Der lebt doch
völlig an der Realität vorbei."
"Eigentlich ein armes Schwein!" wirft da ein anderer ein.
Ich
habe diesen Mann, einen hageren Typ, Ausländer, Holländer
vermutlich, früher auch schon bemerkt. Immer hinter Zeitungen versteckt.
Professore nennen sie ihn hier.. Spiegel, , Nice Matin, Reppubblica“ -er
scheint ein Sprachgenie zu sein. Er deutet auf die „Stampa“ auf den Tresen.
"Gli orari sono ballerini" zitiert er ironisch die Ueberschrift zum
heutigen Grossangriff. "Ballerini! Ihr habt wirklich ein
Talent, mit schönen Worten Fehler in Tugenden zu verwandeln. Da wo ich
herkomme, ist ein Stundenplan keine Ballerina, und wer nicht nach der Uhr
tanzt, hat ausgetanzt."
"Darum
bist du ja auch in Italien gelandet", antwortet der Wirt.
Ich
möchte etwas einwerfen, aber Mario wirft mir einen drohenden Blick zu. Er
will also nicht, dass der Professore
es erfährt.
"Wenn er es nicht selber sieht..." zischt Mario, und ich bin mir nicht
sicher, ob er beleidigt ist oder ob er sich schämt. Und wofür.
Für das Uebersehenwerden?
Denn
unser Mario kandidiert. Für die Regionalwahlen. Eines seiner riesigen
Konterfeis hängt genau gegenüber der Bar an einer trostlosen Mauer. In
Weltplakatformat. Mario mit gepudertem Näschen. "Einer,
der weiss, was das Land braucht". Ich weiss nicht. Ein Fiesling hat ihm über
Nacht zwei Schneidezähne schwarz angemalt.
Noch
immer kreisen die Helikopter um unser Theater.. Er ist also noch da. Redet.
Unsere Kleinstadt besitzt leider kein richtig repräsentatives Gebäude für
wichtige Empfänge. Aber eigentlich passt es. Die reich verzierte Fassade. Dass
es ein Theater ist. Es lohnt sich nicht, extra einen Palast zu bauen, für ihn. Es
dauert Jahre, bis er sich wieder einmal hierher verirren wird, der Präsident.
Der König.
Heute hat übrigens die italienische Fluggesellschaft gestreikt. Unser Herr und
sein Helikopter hatten den Himmel
ganz für sich alleine. Heute.
Silvia
Gillardon
cr
26.3.2006
Nachtrag:
Gestern
haben Sie den Besuch des king Silvio noch imTV übertragen,,, er ist fast
"ertrunken" im Kreis all der Journalisten... aber er wollte
die Mikrophone, die sie ihm wie Köder vor der Nase hin und her baumeln liessen,
partout nicht schlucken.
Seine
Hauptaussage war, dass er sich freut, dass es Liguria delPonente gut geht, denn
wenn es dem kleinen Mann gut gehe (wem? ihm??), dann ginge es auch Italien
gut!!!
Gegessen
hat er dann in der Laterna blue..... Tintenfischchen, dann trofie al pesto ohne
Knoblauch.... (er küsst also doch noch, der Schlingel!!!), dann Branzino
und zum Schluss Gamberi. Mit anderen Worten, an Imperia wird er sich
vermutlich vor allem erinnern, weil er sich dort den ultimativen Eiweissschock
geholt hat.
Nun
ist die Luft wieder rein in der Kleinstadt, wo die Stiefmütterchen ihre wahre
Aufgabe immer noch nicht ganz begriffen haben. Freude verbreiten. Für all
die kleinen Männer (und Frauen)